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Wir Boomer haben gelernt zu funktionieren. Aber haben wir auch gelernt, uns selbst zu fühlen?

Am vergangenen Wochenende durfte ich wieder einen kleinen Workshop begleiten, und ich merke, dass mich das, was ich dort erlebt und wahrgenommen habe, noch immer beschäftigt. Nicht, weil es etwas grundsätzlich Neues für mich war, sondern weil mir wieder einmal bewusst geworden ist, wie viel Schmerz wir Menschen mit uns herumtragen, wenn wir über viele Jahre, manchmal sogar Jahrzehnte, gelernt haben, uns selbst zurückzunehmen, uns anzupassen und möglichst wenig von dem zu zeigen, was eigentlich in uns lebendig ist.

Und ich glaube, dass das gerade für meine Generation, die sogenannten Boomer, ein unglaublich großes Thema ist, über das wir vielleicht viel zu wenig sprechen.

Wenn ich an meine Kindheit und an die Sätze denke, mit denen viele von uns groß geworden sind, dann fallen mir sofort Dinge ein wie „Stell dich nicht so an“, „Indianer kennt keinen Schmerz“, „Was sollen denn die Nachbarn denken?“, „Reiß dich mal zusammen“ oder auch „Das Leben ist nun mal kein Wunschkonzert“.

Ich glaube, wir alle kennen solche oder ähnliche Aussagen, und wenn wir uns einmal anschauen, aus welcher Generation unsere Eltern kamen, dann wird auch verständlich, warum diese Sätze für sie so selbstverständlich waren. Viele unserer Eltern waren Kriegs- oder Nachkriegskinder, die in einer Zeit aufgewachsen sind, in der es zunächst einmal darum ging, zu überleben, etwas aufzubauen, Sicherheit zu schaffen und irgendwie mit all dem zurechtzukommen, was sie selbst erlebt hatten.

Da war häufig wenig Raum für Gefühle, für Verletzlichkeit oder für die Frage, wie es einem eigentlich gerade geht, und ich glaube auch nicht, dass wir unseren Eltern daraus heute einen Vorwurf machen müssen, denn sie haben uns vermutlich vieles von dem weitergegeben, was ihnen selbst geholfen hat, durch ihr Leben zu kommen.

Gleichzeitig dürfen wir uns aber heute fragen, was diese Prägungen eigentlich mit uns gemacht haben und wie viel davon wir noch immer leben, obwohl wir längst erwachsen sind und vielleicht ganz andere Möglichkeiten hätten.

Denn was haben wir eigentlich gelernt?

Wir haben gelernt, dass wir funktionieren sollen, dass wir nicht zu empfindlich sein dürfen, dass wir andere Menschen möglichst nicht mit unseren Gefühlen belasten und dass es wichtiger ist, sich anzupassen und dazuzugehören, als das auszusprechen, was in uns tatsächlich gerade passiert.

Und irgendwann wird aus diesem Verhalten etwas so Selbstverständliches, dass wir gar nicht mehr bemerken, wie oft wir uns selbst verlassen, um die Verbindung zu anderen Menschen aufrechtzuerhalten.

Genau das ist etwas, das mich in meiner Arbeit immer wieder berührt, weil ich Menschen begegne, die nach außen betrachtet ihr Leben wunderbar im Griff haben, Verantwortung übernehmen, für andere da sind, beruflich erfolgreich sind und über viele Jahre alles getan haben, was von ihnen erwartet wurde, und die gleichzeitig irgendwann feststellen, dass sie sich selbst kaum noch spüren.

Da ist dann häufig eine unglaubliche Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Nähe, nach einem Menschen, bei dem man einfach sein darf, ohne sich erklären oder rechtfertigen zu müssen, und manchmal habe ich den Eindruck, dass hinter all diesen Wünschen vor allem eine ganz tiefe Sehnsucht danach liegt, sich selbst endlich wieder begegnen zu dürfen.

Sich nicht ständig fragen zu müssen, ob das, was ich gerade fühle, für einen anderen Menschen zu viel ist, ob ich anstrengend bin, ob ich jemanden überfordere oder ob ich vielleicht lieber wieder meine Maske aufsetze, damit alles so bleibt, wie es bisher war.

Und genau an dieser Stelle wird es für mich unglaublich spannend, denn was passiert eigentlich, wenn wir beginnen, diese Masken abzulegen und uns mit dem zu zeigen, was wirklich in uns ist?

Was passiert, wenn ich in einer Partnerschaft plötzlich anfange, über meine Gefühle zu sprechen, meine Bedürfnisse wahrzunehmen und auszusprechen, was mich bewegt, obwohl das vielleicht über viele Jahre gar keinen Platz hatte?

Ich glaube, dass genau das für das Gegenüber unglaublich herausfordernd sein kann, weil sich dadurch etwas verändert, das bisher vermeintlich gut funktioniert hat.

Plötzlich ist da ein Mensch, der nicht mehr einfach nur mitmacht, der nicht mehr alles hinnimmt, der Fragen stellt, der sich selbst besser kennenlernen möchte und der vielleicht zum ersten Mal den Mut entwickelt, sich mit all dem zu zeigen, was bisher verborgen geblieben ist.

Und dann kann es passieren, dass das Gegenüber genau das als Angriff empfindet, obwohl es zunächst einmal überhaupt nichts mit ihm zu tun haben muss.

Denn wenn ich sage, dass ich traurig bin, dass ich mich nach Nähe sehne, dass ich mich selbst wieder fühlen möchte oder dass ich bestimmte Dinge in meinem Leben nicht mehr so weiterführen möchte wie bisher, dann beschreibe ich zunächst einmal etwas, das in mir passiert.

Ich übernehme Verantwortung für meine Gefühlswelt und versuche, sie mit einem anderen Menschen zu teilen.

Aber natürlich löst das etwas aus, und vielleicht wird das Gegenüber plötzlich mit den eigenen Gefühlen, den eigenen Verletzungen und den eigenen unerfüllten Bedürfnissen konfrontiert, die es bisher selbst nicht anschauen wollte.

Und dann wird aus einem Gespräch, das eigentlich Verbindung schaffen könnte, ganz schnell eine Situation, in der sich einer von beiden zurückzieht, sich angegriffen fühlt oder dem anderen vermittelt, dass er zu anstrengend geworden ist.

Ich frage mich, wie häufig wir genau das in unseren Beziehungen erleben und wie viele Menschen deshalb irgendwann wieder aufhören, über das zu sprechen, was sie wirklich bewegt.

Nicht, weil sie nichts mehr fühlen, sondern weil sie gelernt haben, dass ihre Gefühle offenbar keinen Platz haben.

Und jetzt kommt für mich die eigentlich spannende Frage: Warum bleiben wir in solchen Kontexten?

Warum bleiben wir in Beziehungen, Freundschaften, beruflichen oder gesellschaftlichen Zusammenhängen, in denen wir immer wieder die Erfahrung machen, dass wir uns selbst nicht wirklich zeigen dürfen?

Warum passen wir uns weiterhin an, obwohl wir längst spüren, dass uns genau diese Anpassung unglaublich viel Kraft kostet und wir eigentlich etwas ganz anderes leben möchten?

Vielleicht, weil wir gelernt haben, dass Liebe genau das bedeutet.

Dass wir aushalten müssen, dass wir Rücksicht nehmen müssen, dass wir uns nicht so wichtig nehmen dürfen und dass wir vor allem dafür sorgen sollen, dass das Miteinander funktioniert.

Und vielleicht haben wir deshalb auch so große Angst davor, vertraute Kontexte zu verlassen, selbst wenn sie uns längst nicht mehr guttun, weil wir gar nicht wissen, was danach kommt.

Denn das Gewohnte gibt uns Sicherheit, auch wenn diese Sicherheit manchmal einen unglaublich hohen Preis hat.

Wenn ich mich mein ganzes Leben darüber definiert habe, für andere da zu sein, Erwartungen zu erfüllen und möglichst wenig Schwierigkeiten zu machen, dann ist die Vorstellung, plötzlich meine eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen, vielleicht nicht nur befreiend, sondern zunächst einmal ziemlich beängstigend.

Wer bin ich denn eigentlich, wenn ich nicht mehr die Rolle erfülle, die andere Menschen von mir kennen?

Was passiert, wenn ich Nein sage, wenn ich nicht mehr verfügbar bin, wenn ich mich nicht mehr anpasse oder wenn ich plötzlich Dinge ausspreche, die ich bisher lieber für mich behalten habe?

Und was passiert, wenn Menschen, die mir wichtig sind, diesen Weg nicht mitgehen möchten?

Ich glaube, genau hier beginnt eine Form von Selbstbegegnung, die nicht immer angenehm ist und die uns gleichzeitig unglaublich viel über uns selbst zeigen kann.

Denn dann geht es nicht mehr darum, dass der andere sich verändern muss, damit es mir besser geht, sondern darum, dass ich mich frage, warum ich eigentlich so sehr darauf angewiesen bin, dass der andere mich bestätigt, versteht oder mir die Erlaubnis gibt, so zu sein, wie ich bin.

Was in mir glaubt noch immer, dass ich nur dann geliebt werde, wenn ich mich anpasse?

Und wie liebevoll kann ich mir selbst begegnen, wenn ich feststelle, dass ich mich vielleicht über viele Jahre immer wieder selbst verleugnet habe, nur um dazuzugehören?

Ich finde, gerade dieser letzte Punkt wird häufig unterschätzt, denn wir können natürlich anfangen, unsere alten Muster zu erkennen und unsere Schutzmechanismen zu hinterfragen, aber wenn wir dann wieder mit uns selbst hart ins Gericht gehen, weil wir so lange in bestimmten Situationen geblieben sind, machen wir im Grunde genau das weiter, was wir schon als Kinder gelernt haben.

Wir setzen uns erneut unter Druck und erwarten von uns, dass wir jetzt bitte möglichst schnell anders werden.

Dabei hatten all diese Schutzmechanismen einmal ihre Berechtigung, sie haben uns geholfen, mit Situationen umzugehen, für die wir damals vielleicht noch gar keine anderen Möglichkeiten hatten.

Nur stehen sie uns heute möglicherweise an vielen Stellen im Weg, und ich glaube, dass wir sie nicht bekämpfen müssen, sondern zunächst einmal verstehen dürfen, bevor wir entscheiden können, ob wir sie überhaupt noch brauchen.

Was mich in diesem Zusammenhang auch immer wieder beschäftigt, ist unser gesellschaftliches Miteinander und insbesondere die Diskussion zwischen den Generationen.

Ich höre häufig Menschen meiner Generation über die Jüngeren sprechen, die angeblich nicht mehr belastbar sind, die ständig über ihre Gefühle reden, die Grenzen setzen, die nicht mehr bereit sind, alles auszuhalten, und die vermeintlich viel zu hohe Erwartungen an ihr Leben und ihre Arbeit haben.

Und ich frage mich dann, ob uns diese jungen Menschen nicht vielleicht gerade etwas aufzeigen, das wir uns selbst über viele Jahre nicht erlaubt haben.

Vielleicht irritiert es uns, wenn jemand ganz selbstverständlich sagt, dass ihm seine psychische Gesundheit wichtiger ist als der nächste Karriereschritt, weil wir selbst gelernt haben, dass Leistung und Durchhalten zu einem erfolgreichen Leben dazugehören.

Vielleicht macht es etwas mit uns, wenn junge Menschen ihre Bedürfnisse aussprechen und Grenzen setzen, weil wir selbst nie gelernt haben, dass wir das überhaupt dürfen.

Und vielleicht steckt hinter mancher Kritik an den jüngeren Generationen auch die schmerzhafte Erkenntnis, dass wir selbst vieles ausgehalten haben, was wir heute möglicherweise gar nicht mehr aushalten würden.

Das bedeutet für mich überhaupt nicht, dass die jüngeren Generationen alles richtig machen oder dass wir als Boomer grundsätzlich falsch gelebt haben, denn ich glaube, dass das Pendel, wie so häufig in gesellschaftlichen Entwicklungen, zunächst einmal in beide Richtungen ausschlagen kann.

Auf der einen Seite haben wir das Funktionieren, die Anpassung und das Aushalten, auf der anderen Seite vielleicht manchmal die Vorstellung, dass sich das gesamte Umfeld an den eigenen Bedürfnissen orientieren müsste.

Aber wo ist eigentlich die Mitte?

Ich glaube, dass wir diese Mitte nur finden können, wenn wir lernen, mit unserer eigenen Gefühlswelt in Kontakt zu kommen und gleichzeitig anzuerkennen, dass auch andere Menschen ihre eigene Gefühlswelt, ihre eigenen Bedürfnisse und ihre eigene Geschichte mitbringen.

Dass ich mich zeigen darf, ohne dass der andere dafür verantwortlich ist, alles aufzufangen, und dass ich gleichzeitig bereit bin, meinem Gegenüber zuzuhören, ohne dessen Gefühle sofort als Angriff auf mich selbst zu verstehen.

Und vielleicht ist genau das eine der größten Herausforderungen unserer Zeit, denn ich beobachte gerade sehr deutlich, wie unterschiedlich Menschen mit Veränderung und mit der eigenen inneren Entwicklung umgehen.

Da gibt es Menschen, die neugierig werden, die bereit sind, sich selbst zu hinterfragen, die sich nach wirklicher Verbindung sehnen und die gerne Teil einer Gemeinschaft sein möchten, in der man miteinander wachsen darf.

Menschen, die sich erlauben möchten, weich zu sein, verletzlich zu sein, nicht immer schon eine Antwort haben zu müssen und die erfahren möchten, wie sich ein Miteinander anfühlt, in dem nicht ständig bewertet und beurteilt wird.

Und gleichzeitig begegne ich Menschen, die unglaublich viel Energie darauf verwenden, das aufrechtzuerhalten, was sie kennen, weil jede Veränderung möglicherweise etwas in ihrem bisherigen Weltbild ins Wanken bringen könnte.

Ich kann das durchaus nachvollziehen, denn wenn ich über viele Jahre bestimmte Vorstellungen davon entwickelt habe, wie das Leben funktioniert, wie Beziehungen zu sein haben und was einen wertvollen Menschen ausmacht, dann kann es unglaublich verunsichernd sein, wenn plötzlich andere Menschen auftauchen, die ganz andere Wege gehen.

Nur frage ich mich, was mit uns passiert, wenn wir uns immer stärker gegen diese Erfahrungen verschließen.

Wenn wir uns nicht mehr berühren lassen möchten, wenn wir andere Sichtweisen zunehmend als Bedrohung erleben und wenn wir versuchen, alles auszublenden, was uns mit unseren eigenen ungeklärten Themen in Kontakt bringen könnte.

Ich habe den Eindruck, dass es dann innerlich immer enger werden kann, weil wir immer weniger positive Referenzerfahrungen machen und irgendwann kaum noch erleben, dass wir mit Unsicherheit, Unterschiedlichkeit oder Veränderung auch gut umgehen können.

Wir bleiben in unseren vertrauten Konstrukten, bestätigen uns immer wieder selbst, dass die Welt so ist, wie wir sie bisher gesehen haben, und verlieren möglicherweise zunehmend die Fähigkeit, uns auf etwas einzulassen, dessen Ausgang wir noch nicht kennen.

Und genau daraus können für mich auch gesellschaftliche Spaltungen entstehen, weil wir irgendwann nicht mehr miteinander in Verbindung gehen, sondern vor allem damit beschäftigt sind, unsere jeweilige Sicht auf die Welt zu verteidigen.

Dabei gibt es dieses Außen, gegen das wir uns so häufig wehren, in unserer Wahrnehmung ja nie völlig unabhängig von uns selbst, denn wir schauen immer durch unsere eigenen Erfahrungen, Bewertungen, Prägungen und Schutzmechanismen auf das, was uns begegnet.

Das bedeutet natürlich nicht, dass alles, was im Außen passiert, nur mit uns selbst zu tun hat oder dass wir für das Verhalten anderer Menschen verantwortlich wären.

Aber wir dürfen uns fragen, warum uns bestimmte Dinge so sehr beschäftigen, warum wir auf manche Menschen so heftig reagieren und was es möglicherweise mit uns selbst zu tun hat, wenn wir bestimmte Gefühle oder Verhaltensweisen bei anderen kaum aushalten können.

Und damit bin ich wieder bei dem, was mich am Wochenende so berührt hat.

Bei dieser tiefen Sehnsucht von Menschen, endlich nicht mehr funktionieren zu müssen, sondern einfach Mensch sein zu dürfen, mit all dem, was gerade da ist.

Ich glaube, wir unterschätzen manchmal, wie viel Mut es braucht, nach vielen Jahren der Anpassung überhaupt wieder wahrzunehmen, was wir fühlen, und wie viel Vertrauen notwendig ist, diese Gefühle dann auch noch einem anderen Menschen zuzumuten.

Wobei ich das Wort zumuten inzwischen fast schon spannend finde, denn warum empfinden wir es eigentlich als Zumutung, wenn ein Mensch uns ehrlich mitteilt, wie es ihm geht?

Vielleicht, weil wir selbst so wenig Erfahrung damit gemacht haben, dass Gefühle einfach da sein dürfen, ohne dass wir sie sofort verändern, erklären, bewerten oder lösen müssen.

Vielleicht dürfen wir genau das wieder lernen, dass wir einem anderen Menschen begegnen können, ohne gleich etwas mit dem machen zu müssen, was er uns erzählt, und dass es manchmal schon unglaublich viel verändert, wenn jemand einfach zuhört und bereit ist, dazubleiben.

Und natürlich kann es sein, dass ein Gegenüber dazu gerade nicht in der Lage ist oder diesen Weg auch grundsätzlich nicht gehen möchte.

Auch das dürfen wir anerkennen, denn wir können niemanden dazu bringen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, wenn dieser Mensch das nicht möchte.

Aber wir dürfen dann eben auch für uns entscheiden, was das für unser eigenes Leben bedeutet und ob wir weiterhin in einem Kontext bleiben möchten, in dem wir nur dann dazugehören, wenn wir bestimmte Teile von uns selbst zurückhalten.

Vielleicht ist das sogar eine der schwierigsten Entscheidungen, vor denen wir im Laufe unseres Lebens stehen, weil wir dabei nicht nur etwas im Außen verändern, sondern uns von einer Vorstellung verabschieden müssen, die uns möglicherweise über Jahrzehnte Sicherheit gegeben hat.

Und vielleicht kommt dann zunächst einmal gar nicht die große Freiheit, sondern Unsicherheit, Traurigkeit oder die Angst davor, allein zu sein.

Auch das gehört für mich dazu, und ich glaube, wir dürfen aufhören, persönliche Entwicklung immer nur als etwas Schönes, Leichtes und Befreiendes darzustellen.

Manchmal bedeutet Entwicklung auch, auszuhalten, dass etwas nicht mehr passt, obwohl wir es uns so sehr gewünscht hätten.

Manchmal bedeutet sie, Menschen ihren eigenen Weg gehen zu lassen, auch wenn wir gerne mit ihnen weitergegangen wären.

Und manchmal bedeutet sie, sich selbst zum ersten Mal wirklich ernst zu nehmen, ohne schon zu wissen, wohin dieser Weg führen wird.

Wenn ich auf meine Generation schaue, dann wünsche ich mir, dass wir uns genau dafür noch viel mehr öffnen, denn wir haben in unserem Leben unglaublich viel geleistet, Verantwortung übernommen, Dinge aufgebaut und Herausforderungen gemeistert, aber vielleicht dürfen wir jetzt auch einmal die Frage stellen, ob es im Leben tatsächlich immer nur darum gehen muss, stark zu sein und durchzuhalten.

Vielleicht dürfen wir uns selbst wieder ein Stück näherkommen und lernen, dass wir nicht weniger wertvoll sind, wenn wir verletzlich sind, dass wir nicht egoistisch sind, wenn wir unsere Bedürfnisse wahrnehmen, und dass wir auch dann liebenswert bleiben, wenn wir nicht mehr jede Erwartung erfüllen.

Und vielleicht können wir gerade dadurch auch den jüngeren Generationen anders begegnen, weil wir nicht mehr das verteidigen müssen, was wir selbst einmal ausgehalten haben, sondern neugierig werden können auf das, was sich im Miteinander gerade verändert.

Ich glaube, dass wir als Boomer hier eine große Chance haben, nicht indem wir unsere Vergangenheit infrage stellen oder unsere Eltern für das verantwortlich machen, was wir heute leben, sondern indem wir beginnen, unsere eigene Geschichte zu verstehen und bewusst zu entscheiden, was wir davon weitertragen möchten.

Denn wir können heute etwas verändern, auch wenn wir vielleicht schon viele Jahrzehnte auf eine bestimmte Weise gelebt haben.

Wir dürfen neue Erfahrungen machen, wir dürfen uns selbst überraschen und wir dürfen entdecken, dass Verbindung nicht zwangsläufig dadurch entsteht, dass wir uns anpassen, sondern vielleicht gerade dadurch, dass wir uns mit dem zeigen, was uns als Menschen ausmacht.

Und ich glaube, dass Heilung genau dort beginnen kann, wo wir aufhören, vor unserer eigenen Gefühlswelt davonzulaufen, und stattdessen lernen, uns selbst mit einer liebevollen Neugier zu begegnen.

Nicht, um noch besser zu funktionieren oder die nächste Version von uns selbst zu entwickeln, sondern um wieder Zugang zu dem zu bekommen, was vielleicht schon sehr lange darauf wartet, von uns wahrgenommen zu werden.

Was mich deshalb gerade besonders beschäftigt, ist nicht nur die Frage, wie wir als Gesellschaft wieder mehr miteinander in Verbindung kommen können, sondern vor allem, wie viel Verbindung mit anderen Menschen überhaupt möglich ist, wenn wir die Verbindung zu uns selbst immer wieder unterbrechen.

Und vielleicht dürfen wir uns genau das einmal anschauen, ganz ohne Druck und ohne sofort etwas verändern zu müssen.

Wie viel von dem, was wir heute leben, entspricht eigentlich wirklich uns selbst, und wie viel davon halten wir noch immer aufrecht, weil wir irgendwann gelernt haben, dass Liebe, Sicherheit und Zugehörigkeit davon abhängen, dass wir uns anpassen?

Ich glaube, diese Frage könnte gerade für unsere Generation unglaublich viel in Bewegung bringen.

Und vielleicht beginnt genau dort etwas, das wir uns über viele Jahre nicht erlaubt haben: uns selbst wirklich zu leben und anderen Menschen ebenfalls die Freiheit zu lassen, sie selbst zu sein.

Kunden lesen mein Buch

Wenn ich ein Buch in den Händen habe, verschlinge ich es regelrecht in kürzester Zeit, überfliege es oft. Bei diesem war es anders. Ich hab verhältnismäßig lange gebraucht, um es zu Ende zu lesen. Einfach deshalb, weil ich viele Sätze 2 bis 3 mal durchgelesen habe, um es auf mich wirken zu lassen. Daniela schafft es durch ihre ehrliche und authentische Schreibweise, das Erzählen ihrer eigenen Geschichte (ohne dabei die Schattenseiten auszulassen) sehr schnell eine Verbindung zum Leser aufzubauen.
Mittlerweile war ich 2 mal mit Daniela auf der Altmühl und bin jedes mal mit neuem Input und sehr gelöst heimgefahren.
Sie ermutigt jeden, mehr Achtsamkeit und „Herzehrlichkeit“ in das eigene Leben zu lassen.
Ich werde sicherlich noch öfter die einzelnen Kapitel des Buches lesen.

Sarrazin Coaching
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