Eine Führungskraft kennt einen Mitarbeiter seit zehn Jahren und glaubt zu wissen,
wer dieser Mensch ist. Oder wir haben uns irgendwann ein Bild von einer Kollegin
gemacht und sehen gar nicht mehr, was sich bei ihr verändert hat.
Dabei ist die Frage doch eigentlich:
Wer ist dieser Mensch heute?
Und darauf gibt es keine Antwort, die für immer gilt.
Vielleicht scheitern Beziehungen deshalb manchmal nicht an zu wenig Liebe,
sondern daran, dass wir den anderen auf die Person festlegen, die wir einmal kennengelernt haben.
Dann wird Entwicklung irgendwann als Veränderung des anderen erlebt.
Und Veränderung kann Angst machen.
Aber ein Mensch, der sich nicht mehr verändern darf,
darf letztlich auch nicht mehr wirklich leben.
Für mich bedeutet eine lange Beziehung deshalb nicht, dass zwei Menschen
möglichst lange dieselben bleiben.
Es bedeutet, dass zwei Menschen sich gegenseitig erlauben, sich zu verändern.
Und dass sie neugierig bleiben auf den Menschen, der der andere gerade wird.
Das gilt für die Partnerschaft genauso wie für Führung, Zusammenarbeit und
Unternehmenskultur.
Auch ein Unternehmen verändert sich, wenn sich die Menschen darin verändern.
Führung kann deshalb nicht nur darin bestehen, Menschen anhand ihrer bisherigen Leistung
oder ihrer bisherigen Rolle zu beurteilen. Es geht auch darum, wahrzunehmen,
wer jemand inzwischen geworden ist und was vielleicht gerade in ihm entstehen möchte.
Wir können einen Menschen nicht dauerhaft aus seiner Vergangenheit heraus verstehen.
Wir müssen ihn fragen.
Wer bist du heute?
Nicht nur den Partner. Nicht nur die Mitarbeiterin. Nicht nur die Führungskraft.
Den Menschen.
Vielleicht ist das eine der wichtigsten Fragen, die wir Menschen stellen können,
mit denen wir schon lange verbunden sind.
Nicht, weil wir den anderen noch nicht kennen.
Sondern gerade weil wir glauben, ihn zu kennen.
Denn vielleicht bedeutet Liebe genauso wie gute Zusammenarbeit:
Nicht einen Menschen einmal zu finden, sondern denselben Menschen immer
wieder neu kennenzulernen.