Ich bin in den letzten Wochen viel unterwegs gewesen.
Eine Reise vom Süden in den Norden – und gleichzeitig eine Reise nach innen.
Auf dieser Reise habe ich intensive Gespräche geführt. Mit Barbara Messer, Isa Mack, Dr. Julian Mack und Heiko Gruner.
Gespräche über das Coaching der Zukunft. Über die Frage, was Menschen heute wirklich brauchen. Und auch über die unbequeme Frage:
Braucht es Coaching überhaupt noch?
Es waren keine Gespräche voller fertiger Antworten.
Keine Hochglanz-Konzepte.
Keine Strategien, die Sicherheit versprechen.
Im Gegenteil.
Je mehr wir gesprochen haben, desto deutlicher wurde für mich: Vielleicht ist genau dieses Nicht-Wissen gerade die ehrlichste Antwort unserer Zeit.
Die Glaskugel und die Experten
Ich nehme seit einiger Zeit gerne eine kleine Glaskugel mit. Gefunden habe ich sie letzten Dezember in Regensburg.
Für mich ist sie inzwischen ein Symbol geworden.
Denn wenn ich höre, wie viele Menschen scheinbar genau wissen, wohin die Reise geht, frage ich mich zunehmend:
Wissen sie es wirklich?
Oder glauben viele einfach nur, dass die alten Strategien auch in Zukunft noch funktionieren werden?
Ich selbst habe seit etwa einem Jahr immer stärker das Gefühl:
Ich weiß gar nicht mehr genau, wohin die Reise geht.
Und vielleicht liegt genau darin etwas sehr Wahres.
Ich bin weniger im „großen Plan“ und immer mehr im Hier und Jetzt angekommen.
Nicht aus Resignation, sondern weil ich merke, dass Zukunft im Moment kaum noch linear planbar ist.
Was für mich stattdessen wichtiger wird:
Sich selbst treu zu bleiben.
Sich immer wieder zu fragen:
Wer möchte ich in dieser Zeit sein?
Wofür möchte ich mich in den Dienst stellen?
Was ist für mich wirklich sinnstiftend?
Welche Menschen möchte ich in meinem Leben haben?
Und welche Menschen möchte ich unterstützen?
Leben über Arbeit
Ich habe das Gefühl, wir erleben gerade einen tiefen gesellschaftlichen Übergang.
Meine Generation hat oft Arbeit über Leben gestellt. Leistung war Identität.
Funktionieren war selbstverständlich. Durchhalten fast eine Tugend.
Die Generationen nach uns machen vieles anders.
Sie stellen Leben über Arbeit.
Und das verändert etwas Grundsätzliches.
In vielen Gesprächen der letzten Wochen habe ich gespürt, wie viele Menschen sich fragen:
Wollen wir hier überhaupt bleiben?
Wollen wir in Deutschland bleiben?
Was bedeutet Leistung heute eigentlich noch?
Gerade Menschen, die Verantwortung tragen, die sich engagieren, die jeden Tag etwas bewegen wollen,
erleben häufig eine enorme Erschöpfung. Viele haben das Gefühl, nur noch zu erhalten und zu bewahren, statt wirklich gestalten zu können.
Und gleichzeitig steigen die Anforderungen immer weiter.
Ich höre immer öfter Sätze wie:
„Ich möchte eigentlich gar nicht mehr Leistungsträger sein müssen.“
Nicht, weil Menschen faul geworden wären.
Sondern weil viele innerlich müde geworden sind.
Weil wir spüren, dass wir uns in einer Zeit befinden, in der alte Sicherheiten nicht mehr greifen – und neue noch nicht sichtbar sind.
Wenn der Körper noch läuft, aber niemand mehr zu Hause ist
Was mich in den letzten Wochen besonders beschäftigt hat, ist etwas, das wir oft unterschätzen:
Unsere Nervensysteme.
Ich habe in Seminaren schon häufiger darüber gesprochen, wie wichtig Regulation und Co-Regulation sind.
Doch gerade jetzt scheint mir das besonders wichtig.
Wir regulieren uns ständig gegenseitig.
Wenn Menschen dauerhaft angespannt sind, wenn Unruhe in Räumen liegt, wenn alle nur noch funktionieren,
dann wirkt das auf uns alle.
In den letzten Wochen sind mir immer häufiger Menschen begegnet, bei denen ich das Gefühl hatte:
Der Körper läuft noch, aber innerlich ist kaum noch jemand anwesend.
Menschen mit leerem Blick.
Menschen, die kaum noch links und rechts schauen.
Menschen, die wie im Autopilot durch den Tag gehen.
Vielleicht ist das nur meine Wahrnehmung.
Vielleicht erleben andere etwas völlig anderes.
Aber ich glaube, viele spüren:
Die Geschwindigkeit dieser Zeit ist größer geworden als das, was unser Körper und unser
Nervensystem eigentlich verarbeiten können.
Deshalb wird es für mich immer wichtiger, genau dort hinzuschauen.
Nicht nur auf Strategien.
Nicht nur auf Leistung.
Sondern auf Regulation.
Auf Präsenz.
Auf Verbindung.
Der Naturraum als Gegenbewegung
Deshalb ist der Naturraum für mich inzwischen so bedeutsam geworden.
Natur verlangsamt.
Natur reguliert.
Natur bringt uns zurück in etwas Ursprüngliches.
Und ich merke immer deutlicher:
Ich möchte genau in solchen Räumen arbeiten.
Wo auch immer das sein wird.
In welcher Form auch immer.
Vielleicht braucht die Zukunft weniger Menschen, die behaupten, alles zu wissen.
Vielleicht braucht sie mehr Menschen, die bereit sind, ehrlich zu sein.
Die Verantwortung für sich selbst übernehmen. Die sich selbst regulieren können.
Die nicht aus der eigenen Überforderung heraus andere führen.
Und vielleicht liegt genau darin eine neue Form von Expertise.
Nicht mehr der Experte, der Antworten verkauft.
Sondern der Mensch, der den Mut hat, präsent zu bleiben, während sich alles verändert.
Vielleicht bin ich gerade deshalb Expertin, weil ich nicht mehr so tue, als wäre ich eine.
Weil ich Verantwortung für mich selbst übernehme.
Und genau dadurch andere darin unterstützen kann, das ebenfalls zu tun.